Ausflug in die Geschichte der nordwestdeutschen Moore
Jahrtausendelang galten Moore als lebensfeindliche Gebiete. Im Nordwesten Deutschlands dehnten sich die Hochmoore als riesige, baumlose und nasse Gebiete so weit aus, dass sie ganze Landschaften und die darin lebenden Menschen voneinander trennten. Sie stellten natürliche Grenzen dar, die soziale Kontakte, Handel und den Zugang der Kultur enorm erschwerten. Bereits in der Jungsteinzeit versuchten Jäger und Sammler, diese Hindernisse durch den Bau von teilweise kilometerlangen hölzernen Bohlenwegen zu überwinden. Dokumentationen und Ausgrabungen solch künstlich geschaffener Verbindungsstraßen reichen etwa 6000 Jahre zurück. Sie gehören zu den ältesten Zeugnissen für Eingriffe des Menschen in den Naturraum Moor.
Neben ihrer begrenzenden Funktion führte auch die „mindere“ Qualität von Mooren als nutzbares Land dazu, dass sie bis ins 20. Jahrhundert hinein oftmals als „wertloses Unland“ bezeichnet wurden. Nichtsdestotrotz diente das Moor stets in vielfältiger Art und Weise als Rohstofflieferant für den Menschen. Die ersten geplanten Kultivierungsmaßnahmen fanden im Mittelalter statt. Um den Bedarf der wachsenden Bevölkerung an Heizmaterial zu decken, wurden die Waldbestände auf der Geest und in den Bruchwäldern großflächig kahlgeschlagen. Die daraus folgende Holzarmut wurde aufgefangen, indem man Torf als Brennmaterial entdeckte. Später setzte man Torf auch zum Backen und als Heilmittel ein. Torfstreu wurde als Stallunterlage genutzt, Torfmoos als Säuglingsbett und Windel, Torfsalz zum Würzen, Moorplaggen als Dünger, die Glockenheide als Vieh- und Bienenweide, Reisig, Wollgras und Binsen für Textilien und Haushaltsgegenstände, Wildbret und Beeren als Nahrung u. v. m. Der sogenannte Brenntorf wurde für den Eigenbedarf und Verkauf gewonnen. Er wurde im Hausbrand und in Ziegeleien verwendet oder zu Torfkoks als Schmiedekohle und Torfbriketts weiterverarbeitet. Es handelte sich hierbei um den Schwarztorf, also den älteren Hochmoortorf. Der jüngere Weißtorf wurde zu dieser Zeit liegengelassen bzw. abgebunkert.
Die bäuerliche Torfgewinnung verlief bis Anfang des 18. Jh. zumeist ungeplant und unkontrolliert. Erst danach kam es in vielen Regionen des Nordwestens zu staatlich geregelten Moorzuweisungen und einer gezielt geförderten Moorkultivierung und Moorkolonisierung. Allen Unwegsamkeiten zum Trotz sollten die Moore landwirtschaftlich erschlossen und genutzt werden. Der Existenzkampf der Menschen, die das Dasein in den noch immer als lebensfeindlich geltenden Hochmooren auf sich nahmen, ist für heutige Generationen unvorstellbar. Härteste Mühen, ständige Feuchtigkeit, Infektionskrankheiten wie Schwindsucht und Tuberkulose, Gliederkrankheiten, Ungeziefer, Hunger und nicht selten ein früher Tod waren zu ertragen. Das Sprichwort „Dem Ersten sein Tod, dem Zweiten seine Not, dem Dritten sein Brot“ charakterisiert die damalige Arbeits- und Lebenssituation. Eine Verbesserung konnte nur erwarten, wem es gelang, seine kultivierten Flächen zu vergrößern.
Neben der überwiegend landwirtschaftlichen Nutzung der Moorflächen breitete sich ab 1900 auch der gewerbliche Torfabbau aus. Der Bau von Moorkanälen und die zunehmende Mechanisierung beschleunigte die industrielle Gewinnung. Für eine weitere Steigerung des Torfabbaus sorgte der große Bedarf nach Stalleinstreu und Bodenverbesserungsmitteln in den Nachkriegsjahren. Bereits die historischen Moorkultivierungsformen wie Handtorfstich, Moorbrandkultur, Fehnkultur usw. führten zu einer Entwässerung der Moore und einer Durchlüftung und mikrobiellen Zersetzung des Torfes, in deren Folge die moortypische Vegetation vielerorts zerstört wurde. Das Landschaftsbild veränderte sich. Die Moderne mit ihrem technisch-industriellen Fortschritt beschleunigte diese Entwicklung bis zum fast vollständigen Verschwinden dieses ursprünglichen Naturraums. Wertvolle Rückzugsräume für gefährdete Pflanzen und Tiere und wichtige Umwelt- und Geschichtsarchive sind damit unwiederbringlich verloren gegangen.
Hinzu kommen die Auswirkungen der Moorentwässerung auf das Klima. Moore sind wichtige Kohlenstoff-Senken. Weltweit speichern sie mit nur 3 % Flächenanteil etwa ein Drittel des gesamten terrestrischen Kohlenstoffs – doppelt so viel wie die Wälder der Erde. Mineralisiert der Torf hingegen, setzt er schädliche Treibhausgase frei. Von allen klimarelevanten Gasen aus Mooren stammen 84 % aus der Land- und Forstwirtschaft, 9 % aus nicht oder extensiv genutzten Mooren und 7 % aus dem Torfabbau. Seit dem Inkrafttreten des Niedersächsischen Moorschutzprogramms von 1981 stehen die letzten intakte Moore unter strengstem Naturschutz. Torfabbau wird nur noch auf landwirtschaftlich genutzten Hochmooren, d. h. bereits entwässerten und degradierten Flächen, genehmigt und ist mit weitreichenden Auflagen zur Wiedervernässung und Renaturierung verbunden. Dennoch sorgt die immer schneller fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft für den weiteren Rückgang der letzten Hochmoorareale in Niedersachsen. Heute können nicht einmal mehr 10 % der ursprünglichen Hochmoore als naturnah, d. h. wachsend, bezeichnet werden. Mehr als 90 % sind bereits degradiert und zumeist in landwirtschaftlicher Nutzung. Auch wenn in Niedersachsen heute keine intakten Moore mehr zerstört werden, gehen durch nicht standortangepasste Moornutzung weiterhin jedes Jahr wertvolle Flächen verloren. Ackerbau, Grünland und Forstwirtschaft auf Mooren sind durch die dauerhafte mikrobielle Torfzersetzung endlich. Eine anschließende Renaturierung dieser Flächen ist nicht möglich, weil die Einbringung von Nährstoffen durch die Landwirtschaft und die Vererdung der Torfschichten nicht rückkehrbar gemacht werden können. Sie werden also langfristig weder in herkömmlicher Weise landwirtschaftlich genutzt noch zu Mooren zurückentwickelt werden können. Warten wir die Entwicklung untätig ab, bedeutet dies den endgültigen Verlust dieser ursprünglichen Landschaftsform. Möglichkeiten, diesem entgegenzuwirken, liegen in angepassten Nutzungsformen wie Paludikulturen, einer Wiedervernässung oder auch einer gezielten Moorsanierung. Hierbei werden durch das Abschieben des Oberbodens und den Abbau des darunter liegenden Torfes die nährstoff- und wildkrautbelasteten Schichten entfernt. Eine Restschicht Torf wird als stauender Horizont für eine anschließende Renaturierung in der Fläche belassen. Werden dabei aktiv Torfmoose und hochmoortypische Begleitpflanzen eingebracht, fördert und beschleunigt dies deren Wiederansiedlung und damit die Entwicklung wachsender Moore.





